Der Kitt der Gemeinschaft
„Über Gerechtigkeit brauchst gar nicht erst zu schreiben – die gibt es nämlich nicht!“ Zum Glück hat Martin Kaluza diesen oft gehörten Satz geflissentlich ignoriert. Sonst hätte er nicht ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie Gerechtigkeit funktioniert und warum sie uns so viel bedeutet. Das Buch ist seine Doktorarbeit in Philosophie. Darin beschreibt er, dass Debatten um Gerechtigkeit immer dann entstehen, wenn zwei oder mehr Parteien in einem Interessenkonflikt stehen. Wenn die Debatten richtig geführt werden, kann sich jeder Beteiligte sicher sein, dass seine Stimme gehört und er nicht einfach übergangen wird. So ermöglicht Gerechtigkeit das Zusammenleben gerade dann, wenn es durch Konflikte erschwert wird - Gerechtigkeit ist der Kittt der Gemeinschaft. Drei Praxisbeispiele werden in dem Buch ausführlich behandelt: die Rolle internationaler Strafgerichtshöfe, der Kampf um den Sozialstaat und die Auswirkungen des Patentrechts auf die Versorgung mit Medikamenten in Entwicklungsländern.
Martin Kaluza: „Der Kitt der Gemeinschaft“, mentis Verlag, Juli 2008, 211 Seiten, EUR 29,80.
Die Stimmen in der Wand
Manchmal fragen Besucher Roberto Zaldívar, wer eigentlich da hinten singe. Ein unsensibler Mensch würde antworten, dass das der Wind ist, der durch die chilenische Wüste pfeift. Aber Don Roberto ist überzeugt davon, dass es Stimmen sind, und er erklärt das folgendermaßen: Der Boden der Wüste, aus dem die Wände der Lagergebäude errichtet wurden, besteht aus den gleichen Mineralien, aus denen auch ein Magnetband gemacht ist. Wenn man dort Stimmen hört, sind das Aufzeichnungen aus der Vergangenheit. Deshalb könne man die Lieder und Gesprächsfetzen der Gefangenen hören, mit denen Don Roberto 1973 und 74 nach dem Putsch von Pinochet im Gefangenenlager von Chacabuco inhaftiert war. Anfang der 90er Jahre ist er zurückgekehrt, um den Besuchern zu erzählen, was es mit diesem Ort auf sich hat.
Ein Radiofeature von Martin Kaluza.
SWR2 Dschungel: Mittwoch, 06.08.08 um 22:05 Uhr.
Wiederholung von 2005
In eigener Sache?!
Ab dem 1. August 2008 wird unsere Kollegin Monika Scheele Knight, die auf unserer Website die Rubrik "Aktuelles" betreut hat, nicht mehr bei uns in der textetage sein. Wir bedauern das alle sehr, umso mehr, da sie nicht freiwillig von uns weggeht, sondern durch die skandalöse Politik des Berliner Senats dazu gezwungen wird.
Monika hat einen autistischen Sohn, John, der bisher von einem Schulhelfer in die Schule begleitet wurde, während Monika in der textetage ihrer Arbeit als Übersetzerin nachging. Auf diesen Schulhelfer war Monika angewiesen, weil es in Berlin zu wenige Schulplätze an Schulen gibt, die ein spezielles Angebot für autistische Kinder haben. Darum werden sie auf Schulen geschickt, die für sie im Grunde ungeeignet sind. Die Schulhelfer kompensieren diesen Mangel, indem sie die Kinder zur Schule begleiten und während der Schulzeit betreuen. Ihre Arbeit erfordert viel Geduld und Einfühlungsvermögen, denn autistischen Kindern fällt es nicht leicht, ein vertrauensvolles Verhältnis zu fremden Personen aufzubauen. Sie sind nicht durch eine beliebige andere Person ersetzbar.
Die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung hatte für das kommende Schuljahr eine starke Kürzung der Schulhelferstunden angekündigt. Monika Scheele Knight ist aktiv in der Gruppe "Eltern autistischer Kinder". Sie hat alles Erdenkliche unternommen, um sich gegen die Einschränkung der Lebens- und Entwicklungsperspektiven von sich und John zu wehren. Bis heute, eine Woche vor Beginn der Sommerferien, hat sie nur eine mündliche Zusage, dass der Schulhelfer bis zu den Weihnachtsferien erhalten bleibe. Über die Stundenanzahl wurde noch gar keine Angabe gemacht, und ab dem 1. Januar 2009 ist die Situation weiterhin gänzlich unklar.
Für Monika bedeutet das Fehlen einer dauerhaft geregelten Beschulungssituation, dass sich ein Büroraum zeitlich wie finanziell vorerst nicht halten lässt: Wenn sie nicht weiß, wie viel Zeit John in Zukunft Zuhause verbringen wird, ist auch unwägbar, wie viel Zeit sie zum Arbeiten haben wird, und ob sie sich das Büro noch leisten kann. Bis eine verlässliche Beschulung garantiert ist, hat sie sich darum entschlossen, von zu Hause aus zu arbeiten, so es denn überhaupt noch gehen wird.
Wir, Monikas Kolleginnen und Kollegen von der textetage, protestieren aufs Schärfste gegen diese Sozialpolitik, die uns umso mehr schockiert, als sie von einer rot-roten Landesregierung betrieben wird, die sich angeblich der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlt.
Kunstwerkstatt Birgit Brenner
Brigit Brenner erzählt Lebens-Geschichten, schildert Gedanken und Emotionen ihrer Protagonisten. Ihre Arbeiten berichten von der Verletzlichkeit des Menschen, von Angst und Enttäuschung, aber auch vom Glück des Augenblicks und der ewigen Suche nach Liebe. Zu diesem Zweck setzt sie ganz unterschiedliche künstlerische Mittel ein: Das Wort, Zeichnung, zeichenhafte Malerei, Fotografie und diverse Materialien. Man könnte ihre großen Installationen auch als visualisierte Erzählungen oder Romane verstehen.
Von Marion Taube und Christina Bylow, Prestel Verlag, Juni 2008
Heimsuchung des Mittagsdämons
Über die Langeweile
Ein frecher Dämon war im Mittelalter für die Langeweile verantwortlich. Des Mittags, so hieß es, falle er über die Menschen her und verführe sie zu Trägheit, Überdruss und, schlimmste aller Sünden, zur Gottlosigkeit. Heute sind die Zeiten gottloser als im Mittelalter, aber noch immer fürchten die Menschen die Langeweile wie den Leibhaftigen. Sie vertreiben sie nach Kräften, und in jeder freien Minute werden sie darin von der Freizeitindustrie unterstützt.
"Gegen Langeweile" ist ein zentrales Verkaufsargument, "langweilig" eine Eigenschaft, die Menschen, Dinge, Tätigkeiten sofort disqualifiziert. Langeweile passt nicht zum modernen, beschleunigten Weltenlauf. Sie enthält die Drohung von Stillstand, Unproduktivität, Depression. Und vielleicht auch von Freiheit. "Die Langeweile ist die Schwelle zu großen Taten", meinte Walter Benjamin. Sie konfrontiert den Menschen mit der Forderung, aus sich heraus Sinn zu schaffen. Langeweile - Fluch oder Versprechen? Das Feature erkundet ein alltägliches und zweideutiges Gefühl.
Radio-Feature im Deutschlandfunk, Freistil
13. Juli 2008, 20:05 Uhr
Von Uta Rüenauver
Nachbarn
Sie wohnen nebenan und wir wissen viel von ihnen: wann sie nach Hause kommen, welchen Besuch sie empfangen, was sie kochen, welche Musik sie hören, wann sie streiten oder sich lieben ... Ob wir wollen oder nicht, wir kennen sie in den intimsten Situationen – und doch bleiben sie uns oft unbekannt. Die Nachbarn, diese fremd-vertrauten Geschöpfe, stehen auf der Schwelle zwischen privatem und öffentlichem Raum, zwischen Innen- und Außenwelt. Sie werden belauscht, beobachtet, bekriegt oder auch begehrt. Sie sind Hass- und Lustobjekte, Projektionsfiguren, Angstgegner. Hunderttausende von Bundesbürgern klagen jährlich gegen ihre Nachbarn. Andere wiederum betrachten sie als Bollwerk gegen eine anonyme, als bedrohlich empfundene Umwelt.
SWR 2 - Feature am Sonntag
15. Juni 2008, 14:05 bis15:00 Uhr
Von Uta Rüenauver
(Wiederholung von 2005)
Henri Nannen Preis
Unsere Kollegin Katja Trippel und zwei ihrer GEO-Kollegen haben den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Dokumentation gewonnen:
Herzlichsten Glückwunsch!
Link zum Artikel von Lars Abromeit, Torsten Hampel und Katja Trippel: Geo Magazin, Heft 06/ 2007
Freisteller
Die Villa Romana-Preisträger 2008
Der Begriff "Freisteller" bezeichnet in der Fotografie, Drucktechnik und Computergrafik ein Motiv, das vom Hintergrund und seinem Kontext gelöst wird und so unter anderem in andere Bildzusammenhänge eingefügt werden kann. Zum ersten Mal stellt das Deutsche Guggenheim in Berlin die aktuellen Villa Romana-Preisträger vor: die neuen Bilder, Installationen und Videos von Dani Gal, Julia Schmidt, Asli Sungu und Clemens von Wedemeyer lösen ihre Motive und Themen aus dem ursprünglichen Kontext, "stellen sie frei" und erschließen so neue, diskursive Zusammenhänge.
Anlässlich der aktuellen Ausstellung erscheint in deutsch/englisch und deutsch/italienisch ein Katalog mit Texten und Gesprächen mit den Künstlern.
Kuratiert und Katalog konzipiert von Angelika Stepken. Erscheint Ende April 2008.
Lektorat, Englisch (für Thill Verlagsbüro): Ginger A. Diekmann
Ausstellung: "Freisteller: Die Villa Romana-Preisträger 2008", Deutsche Guggenheim, Berlin, 26.04.–22.06.2008
Fussballdeutsch
Im Mai 2008 erscheint, druckfrisch zur Europameisterschaft, die Taschenbuchausgabe des Wortkompendiums "Fussballdeutsch."
"Fussballdeutsch" ist ein bizarres Amalgam aus sturzbunten Unkereien öffentlichen Gedröhnes. Da lümmeln Einsprengsel aus der Welt erotischer Schlüpfrigkeiten (Hintermann, Positionswechsel) engelsgeduldig neben diversen Ultra-Militarismen (Sturmtank, Abfangjäger) und altbekannten Technikseichereien (Mittelfeldmotor, Impulsgeber); es umwummert die höhere Kernphysik (Quantensprung, Restrisiko), lässig übertroffen von Einschüben des Kaufmanns- wie Juristendeutschen (Torbilanz, Disziplinarstrafe). Da wäre das Gesülz des niederen Politgewerbes (Schadensbegrenzungskicken), der Psychotratsch (Mentaltrainer, Nervös) nebst Multikulturalismusslang (Sambakicker, Projektgruppe), das Bodypflegetimbre (Problemzone) und das putzmuntere Computergedudel (Schnittstelle), hart bedrängt vom omnipenetranten Taschentelefongebrösel, den Schalheiten der Medien- und Werbegestalter (Power-Rasen, Präsentiert) und was die Welt an Wortbrocken bereithält - freilich, da kommt allerhand zusammen. Gut 220 Seiten, um genau zu sein.
Ulf Geyersbach: "Fussballdeutsch", Ullstein Verlag, Mai 2008, 220 Seiten, 6,95 €.
Älter werden, Neues wagen.
Gast-Etagistin Martina Wittneben hat gemeinsam mit der taz-Autorin Ulrike Herrmann ein Buch herausgegeben. "Älter werden, Neues wagen" beschreibt, wie zwölf jung gebliebene Alte ihr Leben in die Hand nehmen und im letzten Drittel noch einmal komplett verändern. Das Buch ist ein spannender Beweis dafür, dass Frühvergreisung im Kopf beginnt und Mobilität nicht immer etwas mit Jogging, Jetlag oder Online-Konferenzen zu tun hat. Die Protagonisten zeigen ein erstaunliches Maß an Mut zur Veränderung. Und allesamt wissen, was Mitgefühl ist. Ja, sie sind dynamisch, beharrlich und gut in Form. Nein, sie sind keine Abziehbilder aus der Werbung, keine grinsenden Corega-Tabs-User, deren Leben einer Soap-Opera zwischen Malkurs, Kreuzfahrt und Frischzellenkur gleicht. Diese Menschen machen sich Gedanken über den Tod, werden krank und wieder gesund, helfen ihren Mitmenschen und damit sich selbst. So einfach, so gut. Darüber hinaus vermitteln sie ein umfassendes Bild davon, wie man in Deutschland derzeit alt werden kann, ohne zu verkümmern oder sich selbst zu unterfordern.
Edition Körber Stiftung, März 2008.
"Die Jahre sind mein Lebensglück." Schriftsteller über das Alter
"Siebzig hat Chic, Achtzig Eleganz!", schreibt Dorothy Parker. Im Alter von 75 macht sich die hochbetagte Tania Blixen zu einer großen Vortragsreise in die USA auf. Mit 76 Jahren lernt Claire Goll zum erstenmal die Freuden der Liebe kennen. Thomas Mann freut sich über die Würdigungen und Preise, die ihm im Alter zuteil werden, und Woody Allen erinnert sich mit siebzig, über das Leben lachend, an die traumatischen Erfahrungen seiner runden Geburtstage.
Die Autoren in diesem Buch haben ein langes, bewegtes Leben hinter sich. Sie schreiben über das Altwerden als Schriftsteller und das Altwerden überhaupt – über die Magie der Erinnerung, über die Kunst, sich die Schaffenskraft zu bewahren, die Sehnsucht nach Geborgenheit und die immerwährende Frage nach den – großen und kleinen – Dingen, die das Lebensglück ausmachen.
Petra Müller und Rainer Wieland haben bewegende Zeugnisse und Stimmen von berühmten Dichtern zusammengetragen, die sich bis ins hohe Alter die Fähigkeit bewahrt haben, sich selbst und der Welt mit Neugier zu begegnen. Von der Neugierde auf das Leben zeugen auch die zahlreichen Fotografien, die den Band ergänzen: eine Huldigung an die Schönheit des Alters, die zugleich eine Huldigung an die Schönheit des Lebens ist.
Herausgegeben von Petra Müller und Rainer Wieland
Knesebeck Verlag, März 2008
Klimaretter
Der taz - textetage - Le Monde Diplomatique "Klimaatlas" ist da!
Geballtes Klimawissen auf 96 Seiten, redaktionell verfertigt und erweitert von Barbara Bauer, Le Monde, (danke Barbara) und Marcus Franken, textetage.
Unter tatkräftiger Unterstützung unseres halben Büros: Uta Rüenauver an der Übersetzung; Martin Kaluza, Manfred Kriener, Lisa Shoemaker und Katja Trippel am Inhalt. Super Kooperation oder in Klimadeutsch: Kreativ bis zur Überhitzung. Martin Kaluza - übrigens ein Doktor in Gerechtigkeit - hat außerdem mit einem eigenen Text darüber geglänzt, wie man Energie produziert ohne Kraftwerke zu bauen. Sehr schlau.
Wir danken außerdem Dierk Jensen und Michaela Ludwig vom freundschaftlich verbundenen Büro Agenda in Hamburg und natürlich der Wunderwaffe für besonders schwierige Fälle in Berlin, Peter Trechow.
Wer den Trechow auf Seite 88/ 89 gelesen hat und trotzdem ein Haus mit Schornstein baut, kann nicht länger behaupten, es nicht besser gewußt zu haben.
Dreaming Los Angeles. Von Freeways, Zäunen und Autoren
Los Angeles ist ein Triumph der Erfindungskraft. Wo sich die kalifornische Küstenstadt heute auf einer Fläche halb so groß wie das Saarland ausdehnt, war vor 100 Jahren nur Wüste: eine perfekte Leinwand für Projektionen aller Art. Fiktionen stehen an der Wiege von Los Angeles, erst dann kam Hollywood. Die wuchernde Metropole kann alles sein: Paradies und Hölle, Ort des Neubeginns wie des Untergangs, der Selbsterschaffung und -vernichtung. Ein Eldorado für Autoren wie T.C. Boyle, Cornelia Funke, Patrick Roth und andere.
Von Uta Rüenauver und Jörg Plath.
Sendetermin: 10. Februar 2008, 0:05 Uhr auf Deutschlandradio Kultur.
Céline
Ulf Geyersbach hat - wenige Jahre nach der Neuübersetzung von "Reise ans Ende der Nacht" durch Hinrich Schmidt-Henkel - in der Reihe "Rowohlt-Monographien" den Band "Céline" verfaßt. Am 1. Februar 2008 erscheint diese erste deutschsprachige Céline-Biographie. Louis-Ferdinand Céline gilt als Autor eines Werkes von einer Wucht und Weite, "die wir von den wohlfrisierten Zwergen der bürgerlichen Literatur nicht gewohnt sind" (Paul Nizan). Nach rassistischen und antisemitischen Äußerungen scheiden sich an ihm die Geister. Wer das Leben dieses "großen Befreiers" (Philip Roth) aufblättert, trifft einen hypochondrischen Afrikareisenden und unfreiwilligen Soldaten, einen Weltenbummler und Womanizer, einen Hetzer, verbitterten Exilanten, einen Grantler und Mahner - und nicht zuletzt einen rücksichtslosen Schöpfer des eigenen Lebensromans.
"Louis-Ferdinand Céline." Von Ulf Geyersbach, Rowohlt, Februar 2008
Der unheilvolle Doktor Mortis
Am 12. Juni 2007 starb Juan Marino im Alter von 86 Jahren. Wenige Wochen vor seinem Tod hat Martin Kaluza ihn in Argentinien besucht und das letzte Interview mit dieser Legende der südamerikanischen Radiogeschichte geführt. Noch im hohen Alter arbeitete Juan Marino regelmäßig als Radiomoderator. Eine seiner Sendungen hieß „Jazz en el tiempo" – Jazz in der Zeit. Seit 1940 hat er dieses Magazin in verschiedenen Sendern in Chile und Argentinien präsentiert. Berühmt geworden ist Juan Marino aber vor allem als Autor und Produzent von Hörspielserien. In Argentinien und Chile kennt ihn deshalb fast jedes „Kind über 40“. Die bekannteste Serie war „Der unheilvolle Doktor Mortis“. In einer Zeit, in der nur wenige einen Fernseher hatten, fesselte Marinos Grabesstimme die Menschen und machte sie zu begeisterten Radiohörern.
Ein Radiofeature von Martin Kaluza
SWR2 Dschungel: Montag, 21.01.08 um 22:05 Uhr.
Und als Podcast anzuhören unter diesem Podster-Link.
Generation Großmutter
Die Journalistin Christina Bylow und der Fotograf Enver Hirsch porträtieren 18 ungewöhnliche Frauen, die neben ihrem Engagement innerhalb der Familie ihre eigene Persönlichkeit entfalteten und deren Lebensläufe Zeitgeschichte widerspiegeln:
Annelies Štrba, Madeleine Gräfin zu Solms, Hildegard Behrens, Marianne Fritzen, Gertraud Well, Virginia Wangare Greiner, Gunda Dimitri, Eva-Maria Hagen, Gülüzar Demirbüken, Dorothea Gräfin Razumovsky, Sibylle Bergemann, Christine Nöstlinger, Ilse Hofrichter, Anna Roettig-Lirsch, Wibke Bruhns, Mera Rubell, Erika Pluhar und Rosemarie Welter-Enderlin.
Texte von Christina Bylow, Knesebeck, September 2007
Himmelstraße
Ein nasskalter Januartag, die Mutter ist gerade drei Wochen tot, da verschwindet der Bruder Paul aus der Wiener Wohnung. Brieflich teilt er mit, dass er beschlossen habe, nach Übersee auszuwandern. Die Schwester kann nicht glauben, was sie da liest. Nun ganz alleine übrig, taucht sie ein in die Erinnerungen ihrer Familie. Und erzählt die Geschichte zweier ungleicher Geschwister, deren Mutter als Jüdin von den Nazis aus Wien vertrieben wurde, sich in England ein neues Leben aufbaute und von einer Auswanderung nach Australien träumte. 1948 aber kehrte sie mit den Kindern nach Wien zurück - aus Liebe zu ihrem Ehemann. Eine unglückliche Entscheidung. Die jüdischen Großeltern sind in Treblinka ermordet worden, zeitlebens fühlt die Mutter sich entwurzelt, ihr Sohn Paul bleibt in ihrer Nähe gefangen, nur die Tochter baut sich fernab ein eigenes Leben auf. Doch ist auch sie rastlos, auf der Suche nach Geborgenheit. Nun sitzt sie über Pauls Notizen und liest immer deutlicher die Ankündigung eines Selbstmords heraus.
Von Erica Fischer, Rowohlt Berlin, September 2007

















